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KI in der Exportkontrolle und Produktklassifizierung: Das neue Mittel für Sicherheit und Effizienz?

Welche Chancen und Risiken gibt es und was braucht es in der Praxis?

Aktualisiert: 26.06.2024 Publiziert: 26.06.2024

Die Exportkontrolle, sowie die Produktklassifizierung bringen oftmals zeitintensive und komplexe Prozesse mit sich. Bei einer fehlerhaften Bearbeitung warten empfindliche Strafen und rechtliche Konsequenzen auf. KI wird als ein vielversprechendes Werkzeug gehandelt um solchen Fehlern vorzubeugen und die Prozesse effizienter zu gestalten. Wir haben uns angeschaut, welche Chancen und Risiken mit KI in der Exportkontrolle winken und was es braucht um die Potenziale bestmöglich auszuschöpfen.

Das Bedürfnis nach Sicherheit eint wohl die meisten Zollabteilungen und deren Mitarbeiter. Rechtliche Sicherheit für das Unternehmen und natürlich für das eigene Handeln als Zollverantwortlicher. Ist diese (rechtliche) Sicherheit nicht mehr gegeben, weil sich z.B. doch mal ein Fehler in die komplexen Zollprozesse eingeschlichen hat, kann das durch rechtliche Konsequenzen und Bußgelder nicht nur ärgerlich, sondern auch teuer werden.

Im Bereich der Exportkontrolle und Produktklassifizierung warten bei einer fehlerhaften Abwicklung oftmals besonders empfindliche Strafen auf. Nicht zuletzt, da es hierbei um die Wahrung nationaler Sicherheitsinteressen gehen kann. Das hohe Maß an Verantwortung, dass hierdurch mit der Exportkontrolle und Produktklassifizierung einhergeht, macht die umgebenden Prozesse häufig komplex und zeitaufwendig.

Ein mögliches Werkzeug, um diesem Problem zu begegnen wird einmal mehr in der KI-gestützten Exportkontrolle/Produktklassifizierung gesehen. In diesem Artikel beleuchten wir welche Chancen und Risiken durch KI im Komplex Exportkontrolle und Produktklassifizierung aktuell winken und was es braucht, damit die Chancen zur Praxis werden und die Risiken als Theorie verstummen.

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KI-basiert, KI-gestützt oder gar nichts: Wo stehen wir in der Exportkontrolle?

Die grundsätzliche Idee KI in der Exportkontrolle und Produktklassifizierung nutzen zu können, ist sicherlich keine revolutionäre. Doch ähnlich wie in anderen Branchen und Gefilden klaffen die Wunschvorstellungen, Befürchtungen und die tatsächliche Praxis hinsichtlich „was kann oder muss ich von KI erwarten?“ auch im Bereich der Exportkontrolle mitunter weit auseinander.
Das erschwert es Unternehmen und Zollverantwortlichen auszumachen inwiefern KI in der Exportkontrolle und Produktklassifizierung nutzbar gemacht werden kann und was es dazu braucht.
Daher wollen wir nun im Weiteren einmal das Dickicht von KI in der Exportkontrolle durchleuchten und Klarheit an die Hand geben.

Chancen durch KI

Hier werden sich von KI allem voran zwei Vorteile versprochen:

Effizienz:
Einsparung von Zeit und Ressourcen durch automatisierte Prozesse wie i.e. die Überprüfung von Sanktions- und Embargolisten

Reduktion von Risiken:
Fehlerfreies Arbeiten durch z.B. eine KI-gestützte Produktklassifizierung. Hierdurch können Bußgelder und weitreichendere Strafen und Risiken minimiert werden

Eine derartige Unterstützung durch KI in der Exportkontrolle äußert sich in den spezifischen Anwendungsmöglichkeiten wie folgt:

„Automatisierte“ Sanktions- und Embargolistenprüfung:
KI-Systeme können bei entsprechender Datengrundlage Geschäftspartner und am Handel beteiligte Länder gegen Sanktionslisten und Embargolisten überprüfen. Dies hilft Verbote oder Genehmigungspflichten zu identifizieren und kann entsprechende Risiken für den Exporteur minimieren.

Klassifizierung und Überprüfung von Gütern:
Die Güterklassifizierung erfolgt anhand objektiver Standards wie „IM“ und „eclass“. Ist die KI mit diesen Standards vertraut und weiß welche Eigenschaften produzierte bzw. gehandelte Güter aufweisen, kann die künstliche Intelligenz die korrekte Produktklassifizierung automatisch vornehmen. Gleichzeitig kann ein solches KI-System ermitteln, ob die gehandelten Güter einer Genehmigungspflicht unterliegen. Hierdurch können Fehler in der Klassifizierung und daraus resultierende Schwierigkeiten im Handel, oder möglichen Sicherheitsrisiken minimiert werden.

Fortgeschrittene Dokumenten-Analyse und Compliance:
Semantische KI-Systeme können Handelsdokumente, Handbücher und gesetzliche Richtlinien in Abhängigkeit zueinander analysieren und kontrollieren, um die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen zu gewährleisten. In Kombination mit der Echtzeitüberwachung von Transaktionen kann die KI helfen verdächtige Muster frühzeitig zu erkennen und potenziellen Risiken, oder illegalen Exporten vorbeugen.

Risiken und Herausforderungen

Während auf der technisch-theoretischen Seite sich also schlaraffenartige Ausblicke in der Exportkontrolle mit und durch KI aufbieten, gilt es gleichzeitig einmal die Risiken und Herausforderungen des Komplexes zu beleuchten. Anderenfalls drohen in der Praxis mitunter mehr Hürden und Komplikationen als Lösungen.

Komplexe Halluzinationen

Die Prozesse und gesetzlichen Gefüge im Kosmos Exportkontrolle sind nicht selten verworren und komplex; erfordern gleichzeitig aber eine strikte Einhaltung. KI-Systeme müssen diese komplexen Reglungen und Systeme in Gänze kennen, verstehen und entsprechend korrekt anwenden können, anderenfalls drohen z.B. falsche Produktklassifizierungen oder gar illegale Exporte.

KI-Tools sind i.d.R. darauf programmiert stets antworten und Ergebnisse zu liefern; was vllt vordergründig als ein dankbarer Umstand erscheint, birgt in Feldern wie der Exportkontrolle allerdings Risiken. Das Risiko hierbei besteht darin, dass auch dann ein Ergebnis produziert wird, wenn der KI nicht das notwenige Wissen oder Verständnis zur korrekten Bearbeitung einer Anfrage vorliegt. Die künstliche Intelligenz erzeugt sich in solchen Fällen, basierend auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen eigene „Informationen“ um trotzdem eine Antwort bzw. ein Ergebnis erzeugen zu können. Im KI-Kosmos wird hierbei auch von „Halluzinationen“ gesprochen. Diese „Halluzinationen“ sind naturgemäß selten korrekt und bergen somit das Risiko einer fehlerhaften Exportkontrolle und damit verbundenen möglichen finanziellen und rechtlichen Strafen.

Ein KI-System was also nicht über ausreichend spezifisches Wissen und Verständnis verfügt, kann in der Exportkontrolle ein mitunter größeres Risiko als eine Unterstützung darstellen.

Was braucht KI in der Exportkontrolle?

Es machen sich bis hierhin also folgende Erkenntnisse klar:

  • KI kann unter den richtigen Bedingungen eine große Hilfe in der Exportkontrolle sein und diese effizienter und sicherer gestalten
  • KI kann aber auch zum Hindernis und zusätzlichen Risiko in der Exportkontrolle werden, wenn z.B. das Wissen und das Verständnis der KI zum Komplex unzureichend sind

An dieser Stelle stellt sich also die Frage- Welche Bedingungen braucht KI in der Exportkontrolle?

Data first

Wie bereits angerissen, benötigt ein KI-System ausreichend Wissen und ein Verständnis zur Anwendung des Wissens um wie gewünscht funktionieren zu können. Dieser Grundsatz gilt nicht nur im Kosmos der Exportkontrolle, allerdings ist diese Grundlage hier hinsichtlich der Komplexität besonders entscheidend, damit KI überhaupt nutzbar gemacht werden kann.

In der Praxis geht das vor allem auf zwei Faktoren zurück:

  • Daten und Training.

Ohne eine qualitativ hochwertige Datengrundlage hinsichtlich Vollständigkeit, Struktur und Validität der Daten ist eine Nutzung von KI in der Exportkontrolle nicht möglich; bzw. birgt erhebliche Risiken und Hürden. Da es ohne eine solche Datengrundlage, der KI nicht möglich sein wird korrekte und hilfreiche Ergebnisse zu liefern. Sei es in der Überprüfung von Geschäftspartnern, Sanktions- und Embargolisten oder der automatisierten Produktklassifizierung.

Bevor ein Unternehmen also über die Nutzung von KI in der Exportkontrolle nachdenkt, sollte sich bewusst gemacht werden, ob eine solche Datengrundlage bereits vorliegt, oder ob diese im Vorfeld noch etabliert werden muss.

Training second

Ist die Datengrundlage, also das benötigte Wissen gegeben, bedarf es einem weiteren zentralen Baustein für einen erfolgreichen Einsatz von KI in der Exportkontrolle; dem Training der KI.

Eine der absoluten Kernkompetenzen von KI-Systemen ist deren grundsätzliche Fähigkeit und Funktionsweise sich mit und durch den Anwender weiterzuentwickeln. Hierdurch lernt das jeweilige System was von ihm gewünscht ist und wie es diese Aufgaben am besten bearbeiten kann.

Im Falle der Exportkontrolle gilt es z.B. die KI hinsichtlich der zugrundeliegenden Logik zu trainieren um das System mit den komplexen Abhängigkeiten, Abläufen und Aufgaben vertraut zu machen. Ein korrektes und nachhaltiges Training eines solchen Systems ist allerdings für sich genommen bereits eine Herausforderung.

Daher empfiehlt es sich dieses mit und durch Experten durchzuführen. Hierbei wird sowohl Expertenwissen in der Exportkontrolle, als auch in der Nutzung und Entwicklung von KI-Systemen benötigt.

Auch hier zeigt sich also, dass ein eigener Beitrag seitens des Unternehmens nötig ist, bevor KI in der Exportkontrolle eine wirkliche und umfängliche Option darstellen kann.

Die menschliche Komponente

Unabhängig davon wie gut KI in die eigene Exportkontrolle integriert werden kann, sollte sich bewusst gemacht werden, dass eine vollständige Automatisierung der Exportkontrolle ohne menschlichen Prüfblick wohl keine empfehlenswerte Option darstellt.

Dafür sind die Komplexität und das benötigte Expertenwissen in der finalen Entscheidungsfindung oftmals zu hoch und die Verantwortung bzw. möglichen Konsequenzen bei fehlerhaften Prozessen zu groß.
Dieser Umstand bedeutet allerdings nicht, dass KI sein Versprechen einer effizienten und sicheren Exportkontrolle und vor allem Produktklassifizierung nicht einlösen kann.

Ein KI-System kann große Vorteile in der Entscheidungsfindung bieten in dem es alle relevanten Informationen und Faktoren zusammenträgt und in Zusammenhang setzt. So wird dem oder der Zollverantwortlichen eine ausgereifte Entscheidungsgrundlage geboten. Das erlaubt in Summe deutlich effizientere und sicherere Prozesse.

Tools am Markt

Eine generalisierte Empfehlung eines bestimmten Anbieters gestaltet sich schwierig, da je nach Unternehmen der Umfang und die für KI in Frage kommenden Bereiche der Exportkontrolle bzw. Produktklassifizierung variieren. Allerdings gibt es bei Anbietern wie „eclear“ oder „AEB“ bereits jetzt umfangreiche KI-basierte Lösungen für die Exportkontrolle und Produktklassifizierung, die im Bedarfsfall interessant sein dürften.

Wichtig ist hierbei auch zu erwähnen, dass „Mainstream“ KI-Tools wie etwa ChatGPT, Google Gemini oder Microsoft Copilot keine wirkliche Option darstellen. Dazu sind deren Wissensdatenbanken zu generalistisch und es fehlt an Möglichkeiten die KI im nötigen Umfang auf den Komplex Exportkontrolle bzw. Produktklassifizierung zu trainieren.

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